.

 

Der Glaube  /  Essay von Agnus D.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

                       
 

 

Vorliegend soll einmal der beim Glauben bislang wenig beleuchtete Zusammenhang mit dem Willen herausgearbeitet werden. So könnte hier statt dem Glauben auch der Wille getitelt sein. Denn während beim Glauben im Allgemeinen nur sehr wenig differenziert wird, sieht das beim Willen doch ein wenig anders aus. Da finden wir mehrere Stufen der Differenzierung wie etwa an dem einen Ende die Willensstärke sowie am anderen Ende die Willenschwäche bis hin zu einer vollständigen Willenlosigkeit. Eine nun beim Thema Glauben entsprechend zu formulierende Glaubensschwäche oder Glaubenlosigkeit wirkt da auf uns fast schon befremdlich, und manchmal auch sogar peinlich. Trotzdem kennen wir die Glaubensstärke sowie den Unglauben. Wobei aber diese Unterscheidungen fast ausschließlich dem religiösen Bereich zugeordnet werden. Hier bildet der Glaube und nicht etwa der Wille den Gegenstand, der da so gut wie nicht vorkommt. Der Wille im religiösen Bereich findet sich fast nur im Ritual und der im Katechismus festgeschriebenen Glaubenslehre. Auch manifestiert er sich dort hauptsächlich zu strikter Beibehaltung von Tradition und Konvention. Er dient dadurch einer bloßen Institutionalisierung des Glaubens, und steht so einer für die individuelle Wahrheitsfindung erforderlichen freien Willensbildung entgegen. Und just gilt hier die gleiche Einschränkung für den Glauben, welcher in seiner Institutionalisierung den Gläubigen in ihrem von Natur aus frei zu sein habenden Willen und Glauben hemmende Fesseln anlegt. Doch ist es da wie sonst überall auch im Leben, wo ein Nachteil ein Vorteil sein kann, und ein Vorteil wiederum ein Nachteil. Würden sich also der institutionalisierte Wille und Glaube mit der universalen Wahrheit und Wirklichkeit decken, so wäre das ganz sicher ein Vorteil. Tut es das aber nicht, so ist es ebenso sicher ein Nachteil. Was universale Wahrheit und Wirklichkeit ist, das muss deswegen jeder für sich selbst bei sich selbst herausfinden, sofern ihm an solcher Klarheit gelegen ist. Und dazu braucht er die völlige Freiheit zu einer subjektiven Willens- und Glaubensbildung bei unmittelbarer Einleuchtung von Wahrheit und Wirklichkeit, so sie denn bei ihm stattfindet.

Gibt es einen Willen zum Glauben, können wir uns interessiert fragen, und geraten daraufhin wohl etwas ins Grübeln. Denn niemand will glauben, nur um des Glaubens willen, weil es Freude machte an was zu glauben. Immer ist es der Inhalt, der hier einem so wichtig erscheint, dass man ohne sichere Information dann vor die Wahl gestellt ist, ihn zum Glauben anzunehmen oder auch nicht. Bei wichtiger Sache gibt es im Endeffekt kein Ausweichen, und wir müssen uns entscheiden. Die Glaubensentscheidung wird so auch zu einer Willensangelegenheit. Wir wollen immer dann glauben, wenn uns entweder die ausweglosen Umstände dazu zwingen, oder aber uns der Glaube vom Verstand her als die zum Unglauben bessere Alternative erscheint. Denn es könnte sein, dass das Geglaubte eine verborgene Wirklichkeit besitzt, so dass dann beim Offenbarwerden solcher Wirklichkeit sich damit für uns Nachteile ergäben. Umgekehrt schadet es ja nichts an was geglaubt zu haben, falls es sich einmal als nichtexistent unwirksam erweisen sollte. Ein solcher Umgang mit dem Glauben ist unser Alltag. Wir müssen unentwegt Informationen aufnehmen ohne sie auf ihren Gehalt an Wahrheit und Wirklichkeit überprüfen zu können. Da bleibt einem wohl oder übel nichts anderes übrig, als entweder das Aufgenommene zu glauben oder auch nicht, wenn es denn hierzu kommt, dass wir die Information auch verwenden wollen. In allen andern Fällen der Verwendungslosigkeit sind die aufgenommenen Informationen belanglos, und wir brauchen bei ihnen keinerlei Annahme oder Verwerfung realisieren. Im Regelfall glauben wir fast alles was uns da als Information angeboten wird, weil uns das ja bekanntlich zumeist weitaus weniger beansprucht, als eine Überprüfung herausfordernde Ablehnung. Deshalb auch die allgemein überall und jederzeit stattfindenden Betrügereien in großem Stil und mit großem Erfolg. Kommissar Zufall ist hier der größte Verbündete nicht nur bei den Ämtern und Behörden.

Auf keinen Fall können wir über kurz oder lang den uns selbst betreffenden existenzialen Fragen ausweichen. Solange wir darüber keine Informationen haben, sind wir auch in keine Glaubens- und Willensentscheidungen gestellt, und wir können ruhig weiterträumen und -schlafen. Wer jedoch seinem Menschsein - vornehmlich als einem um sich selbst bewussten Wesen - gerecht werden will, der sieht sich veranlasst von sich aus aktiv auf die Suche nach Informationen zu machen, die ihm zu einem bewusstseinsgemäßen Selbst- und Weltverständnis verhelfen können. Doch besteht hier ein striktes Qualitätsgebot, demgemäß sich das subjektive Selbst- und Weltverständnis möglichst mit der objektiven Realität zu decken hat, um nicht ernsthaft psychisch zu erkranken. Denn solche Gefahr besteht immer dann, wenn die subjektive Welt mit der objektiven Wirklichkeit nicht zur Überreinstimmung gebracht werden kann. Von daher gibt es ja in der klinischen Psychiatrie eine unverhältnismäßig hohe Anzahl von Patienten mit von der objektiven Realität abgetrennten religiösen Wahnvorstellungen. Diese Vorstellungen sind eben deshalb heller Wahn, weil sie den Bezug zur objektiven Realität verloren haben. Da könnte man auch kritisch fragen, ob und inwieweit die Kirchen und Sekten mit ihren Lehren der objektiven Realität Rechnung tragen, um nicht in den Verdacht der Psychopathologie zu geraten. Dieser Vorwurf kommt ja zumeist gar nicht so unberechtigt aus der atheistischen Ecke, die jedoch betriebsblind sich darum in gleichem Verdacht befindet. Seit der Nacktaffe sich evolutiv auf dem Weg zum Menschen befindet, ringt er über die Felder der Philosophie, Religion und Naturwissenschaft um Selbst- und Welterkenntnis. Weil aber diese Aufgabe als die universale, die darum mit den höchsten Anforderungen an Intellekt, Geist und Seele schwierigste überhaupt ist, gibt es es hier auch das universale menschliche Versagen auf ganzer Linie bzw. breitester Front.

Was unterscheidet also den Menschen vom Tier? Es ist die je persönliche Menschwerdung in der Übernahme der Verantwortung für sich und seinesgleichen. Nur darin kann der ansonsten nackte Affe zum Menschen werden. Nicht umsonst bezeichnet sich Jesus von Nazareth als Sohn des Menschen bzw. Menschensohn, womit er zum Ausdruck bringt, dass erst der vollendete Mensch sich als "der Mensch" sehen und verstehen darf. Es ist nicht die menschliche Gestalt mit kultureller zivilisatorischer Errungenschaft, samt einer vollen Herrschaft über Flora und Fauna, welche den Menschen ausmacht. Vielmehr sind es die geistseelischen Fähigkeiten in der praktischen Umsetzung zu Selbstverzicht bzw. Altruismus, bis hin zur Selbstopferung zugunsten seiner Mitmenschen oder der Menschheit überhaupt. Immer sind es geistseelisch gesteuerte intellektuelle Fähigkeiten, deren Besitz es erst ermöglicht, quasi hinter die Kulissen der unmittelbaren einnehmenden Welt- und Wirklichkeitserfahrung zu blicken. Alsdann erfährt man auch, dass es sehr darauf ankommt, dass man gegenüber der Welt einen objektiven Stand gewinnt, anstatt sich subjektiv von ihr in ihren Bann ziehen zu lassen. Ist das nun Willens- oder Glaubenssache? Wir sind hier der Auffassung, dass es weitaus mehr eine Willens- als eine Glaubenssache ist, ob man die Welt frisst, oder umgekehrt von ihr gefressen wird. Der Glaube kann ja für eine Willensbildung hilfreich sein, wenn es denn darum geht an sich selbst zu glauben, um einen einmal gefassten Willen, beharrlich über die Zeit zu bringen. Es ist letztendlich der Wille und weniger der Glaube, welcher gebraucht wird, um eine Entscheidung in der Lebensführung zu treffen und zeitlich durchzuhalten. Denn beim Glauben wird es allezeit Zweifel geben, bedingt durch den Charakter der alles verändernden Zeit, die nicht nur sämtliche Wunden heilen lässt, sondern zu Erfahrungen irgendwann auch Gegenerfahrungen und zu Argumenten irgendwann auch Gegenargumente liefert. 

Wenn mit Glauben gemeint ist, dass nur eine Information für wahr erachtet wird, so ist das nicht der Glaube, mit dem nach Aussagen Jesu Berge zu versetzen sind. Ganz symptomatisch ist dabei, dass man primär erst an sich selbst und seine Fähigkeiten glauben muss, um sekundär dann dem Berg befehlen zu können zu weichen, was dann wiederum eine reine Willenssache ist. In einem solchen Fall bedingen sich Wille und Glaube wechselseitig. Wir müssen glauben was wir wollen, und umgekehrt wollen was wir glauben. Wenn Wille und Glaube zu einer Einheit verschmelzen, dann ergibt sich damit ein wirksames Machtmittel. Mit seiner Aussage hatte Jesus einstmals den entscheidenden Hinweis gegeben, dass der Geist die Materie beherrscht, wenn er denn sich dessen bewusst ist, und daran glaubend unbeirrt festhält. In diesem Zusammenhang sind Jesu Wundertaten zu sehen, bis hin zu den Totenerweckungen einschließlich seiner eigenen Auferstehung aus dem Kreuzigungstod. Dass man mit Gedanken die Wirklichkeit verändern kann, das behaupten immer wieder medial begabte Leute, die auch schon entsprechende Erfahrungen gemacht hatten. Genauer gesagt, überwinden Gedanken und Verhaltensweisen oftmals die Raum-Zeit Barriere zwischen den Personen, und verbreiten sich so in den Köpfen empfangsoffener Menschen. Man kann sich daher nie sicher sein, ob der in einem selbst aufgetauchte Gedanke nicht schon von jemandem anderen vorgedacht worden war. Die so genannten Sender sind fast ausschließlich medial begabte Leute, die deswegen im Allgemeinen über PSI und paranormale Phänomene gut Bescheid wissen, und aufgrund eigener Erfahrungen nicht mehr an Übersinnliches zu glauben brauchen. In den öffentlichen Medien geben sich die meisten von ihnen als gottgläubig zu erkennen, während der Anteil der Atheisten in der Gesellschaft ebenso fast ausschließlich auf die Normalsinnlichen entfällt.

Die mediale Gabe kann statt zum Segen auch zum Fluch werden, wenn der Mediale von ihr beherrscht wird, anstatt richtigerweise sie zu beherrschen. Wenn sie außerdem nicht positiv zum Wohle anderer sondern umgekehrt negativ eingesetzt wird, erleidet der Mensch an Geist und Seele furchtbaren Schaden. Goethes Faust dürfte da wohl so eine teuflische Geschichte symbolisieren. Zwar ist man prinzipiell frei in seiner Entscheidung, was man wollen und glauben möchte, doch engt der Lebenslauf mit seinen personprägenden Ereignissen den Rahmen stets entsprechend ein. Dann müssen sich schon ganz einschneidende erschütternde Geschehnisse zutragen, um der je persönlichen Entwicklung noch eine andere Richtung geben zu können. Für so was ist es auch bekanntlich niemals zu spät, wie so manche auf dem Sterbebett noch stattgefundenen Bekehrungen Hochbetagter belegen. Da war es alsdann der Wille, und nicht etwa der Glaube, der hier den Ausschlag gab. Denn an Gott hatte man ein Leben lang nicht geglaubt, und kann dann deswegen auch im letzten Moment nicht anfangen zu glauben, sehr wohl aber wollen, dass Gott eine lichte Tatsache sein möge, welcher man sich doch viel lieber als einem finsteren Nichts ausliefern will. Abschließend könnte man ergo feststellen, dass bei dem Verhältnis zwischen Wille und Glaube ein fester Wille den Verwirklichungsglauben an das Gewollte beinhaltet, sowie umgekehrt ein fester Glaube den Verwirklichungswillen an das Geglaubte. Weder Glaube noch Wille kommen im Endeffekt zu ihrer Wirksamkeit ohne ihre Ergänzung aus, weshalb sie sich so wechselseitig bedingen. Generell gilt daher: Gelebter Glaube wird auch ohne bewussten Willen am Ende zu einer überzeugenden Willenserklärung. Und wiederum umgekehrt wird der gelebte Wille auch ohne den bewussten Glauben am Ende zu einer ebenso überzeugenden Glaubenserklärung.

 

 

 
 
 

 

 

 

 
 
 

 

 

 

INDEX

^